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Der Thörenwald

Abb 1 Der Thörenwald bestand in früheren Zeiten und noch bis ins 20. Jahrhundert vorherrschend aus Laubwald. Dies stellte schon 1796 Schlichthorst in seiner Beschreibung des Amtes Zeven fest: „An Holzungen ist dies Amt vielen anderen Gegenden dieses Landes überlegen… Es wird hier nicht allein viel weiches Holz, als Ellern und dergleichen gehauen und verkauft, sondern es kann auch noch etwas Bau- und Nutzholz von Eichen und Buchen zu Gelde gemacht werden. Das größte Holz im ganzen Amte ist der Thornwald in der Börde Sittensen, …“. Sein Eichenholz war begehrt als Nutzholz z. B. für den Bau der Niedersächsischen Hallenhäuser und in zunehmendem Maße ebenso für den aufstrebenden Schiffbau.

Diese intensive Nutzung von Bauhölzern schon im Hochmittelalter und in der anschließenden Neuzeit führte offensichtlich dazu, dass die Menschen über die Jahrhunderte ganze Wälder abholzten, um den für Hausund Schiffbau so dringend nötigen Baustoff zu gewinnen. Denn in der ältesten der topographisch genauen Karten unserer Region des Elbe-Weser-Dreiecks ist das Gebiet des heutigen Thörenwaldes nicht als zusammenhängender Wald gekennzeichnet (siehe rote Umrandung Abb. 1). Dies gilt z. B. auch für den Ahewald um Zeven.

Aus diesen Gründen wurden kahl geschlagene Flächen mit Nadelholz aufgeforstet, um auch in Zukunft schnell wachsende Bauhölzer zur Verfügung zu haben. Bei der Anlage neuer Kulturen wurden im Thörenwald Findlinge mit entsprechenden Jahreszahlen gesetzt. Sie datieren beginnend mit dem Jahr 1840, der älteste bekannte Stein allerdings wurde mit der Jahreszahl 1772 versehen. Von diesen alten Kiefernbeständen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch sogenannte Samenbäume vorhanden.

Abb 2

Abb 3

Bei der Gemeinheitsteilung und Verkoppelung war der Besitzer Baron Alexander von Schulte, Burg Sittensen, sehr bemüht, die Grenzen des Thörenwaldes zu begradigen. Um dies zu erreichen, brachte er mehrere kleine Flächen in die „gemeinschaftliche Theilungs-Masse“ z. B. beim Ramme – Wiesen – Rezess der Ortschaften Groß Sittensen, Lengenbostel, Freetz und des einstelligen Hofes Ramshausen für das Verkoppelungsverfahren ein, so dass auch heute noch der Thörenwald relativ geradlinig begrenzt ist und eine Gesamtfläche von ca. 475 ha aufweist (siehe Abb. 3).

Nach der vollzogenen Verkoppelung ließ Baron von Schulte den Thörenwald einzäunen. Dazu wurde an den Grenzen ein Wall mit beiderseitigen Gräben angelegt. Der Aushub fand Verwendung beim ca. 80 cm hohen Wall. Auf diesem Wall wurde ein etwa zwei Meter hohes Gatter errichtet, das aus Eichenpfählen und Kiefernlatten bestand. Dieser insgesamt fast drei Meter hohe Zaun, der dem Großwild den Austritt aus dem Wald verwehren sollte, wurde mit mehreren Toren, sogenannten Hecks, ausgerüstet, damit die Jagdgesellschaften des Barons von Schulte sich mit ihrer Hundemeute auf die Jagd nach Dam- und Rotwild begeben konnten.

Abb 4

Diese Einfriedigung verwehrte außerdem benachbarten Bauern, ihre Schweine weiterhin zur Eichelmast in den Wald zu treiben. Des weiteren wurde die Durchfahrt auf den bisher benutzten „Stadt–Wegen“ z. B. nach Buxtehude verhindert, so dass andere Wege nördlich und östlich vom Wald gesucht und benutzt werden mussten. Neben der Jagd konnte der Thörenwald fortan überwiegend zur Holzgewinnung genutzt werden.

Hier bietet sich die Frage an nach der Herkunft und Bedeutung des Namens für dieses Waldgebiet, denn in verschiedenen Quellen kommen Bezeichnungen wie z. B. „Tören Wald“ aber auch „Fören Wald“ vor. Zur Herkunft des Wortes Eiche schreibt Dr. Wagler in einer Studie aus dem Jahr 1891: „Das Wort Eiche heißt althochd. `eih`, mittelhochd. `eik` … englisch `oak`, altnordisch `eik`, … Die Bildung `Eiche` erscheint zuerst bei Luther….“ Johannes Hoops macht in seinem Buch „Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum“ klar, dass „der vorherrschende Waldbaum Nord- und Mitteleuropas … namentlich gerade im Zeitalter der neolithischen Kultur die Eiche war.“ Hoops führt zudem in seinen Erörterungen zur Grundbedeutung des Wortes Eiche aus, dass bei den Indogermanen Eichen und Eichenhaine als heilig religiös verehrt wurden. Bei den Germanen waren sie dem u. a. über Blitz und Donner gebietenden Donar oder Thor geweiht. Das wohl bekannteste ihm geweihte Heiligtum, die Donareiche bei Fritzlar in Nordhessen, ließ der Sage nach Bonifatius 725 fällen, allerdings ohne sich den Zorn Thors / Donars zuzuziehen.

Abb 5

Schon im Altertum war allgemein die Meinung verbreitet, dass Eichen bei Gewitter wesentlich öfter vom Blitz getroffen wurden als andere Laubbäume. Neuere Untersuchungen bestätigen diese Jahrhunderte alten Beobachtungen allerdings nicht, denn in einer Mitteilung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald aus dem Jahre 2008 heißt es: „Es ist nicht so, dass manche Baumarten tatsächlich seltener getroffen werden, sondern der Blitzeinschlag wird unterschiedlich stark sichtbar. Auf Kiefern und Eichen, deren dicke oft mit Moosen überzogene Borke das Wasser wie ein Schwamm aufsaugt und damit den auftretenden Blitz im Rindenkörper ableitet, werden die Blitzschäden besonders offensichtlich. An der glatten Rinde der Buche, Roßkastanie oder Erle läuft das Regenwasser fast ungehindert ab und der Blitz wird in der Regel ohne sichtbare Schäden `außen herum` gleich einem Blitzableiter in den Erdboden abgeleitet...“.

Die Eiche war wie die Linde auch ein typischer Gerichtsbaum, unter dem nach der germanischen Mythologie viele Jahrhunderte lang Gericht gehalten wurde. Die den Eichen zugesprochenen Eigenschaften und ihre Nähe zu den Göttern sollten sich positiv auf die Urteilskraft der Gerichte und der Gerechtigkeit ihrer Urteile auswirken.

All diese dargelegten Eigenschaften, Besonderheiten und Symboliken, die unsere vorchristlichen, germanischen Vorfahren der Eiche zuschrieben, mögen sie dazu bewogen haben, dieses zusammenhängende Waldgebiet in der heutigen Börde Sittensen – zu ihren Zeiten als sehr wahrscheinlich großflächig zusammenhängend anzunehmen - nach ihrem Gott Thor zu benennen, wobei sich die Schreibweisen über die Jahrhunderte durchaus änderten.

Quelle: Hans-Heinrich Seedorf Wilhelm Vieths † Maike Schmidt Die Börde Sittensen auf der Stader Geest Band 1 2014